Der Moment, in dem ich fast aufgehört hätte

Am dritten Tag nach der Entbindung
Meine Tochter war drei Tage alt. Ich lag noch im Krankenhaus, erschöpft und gleichzeitig irgendwie hellwach, wie das nach einer Geburt manchmal ist. Und dann klingelte mein Telefon.
Es war meine Mitarbeiterin. Die Frau, auf die ich alles aufgebaut hatte. Sie war schon länger bei mir, kannte die Kunden, kannte die Abläufe. Ich hatte alles mit ihr geplant — wie das funktionieren würde mit dem Baby, wer was übernimmt, wer erreichbar ist. Und jetzt sagte sie mir, dass sie aufhört. Sofort. Sie hatte einen anderen Job gefunden und würde nicht wiederkommen.
Drei Tage nach der Geburt meiner Tochter. Ich habe damals nichts gesagt. Ich glaube, ich konnte gar nichts sagen.
Und dann kam COVID
Ich hatte nicht viel Zeit, mich von diesem Moment zu erholen. Denn kaum hatte ich mich wieder gesammelt — kaum hatte ich angefangen, neue Strukturen zu bauen, den Betrieb wieder irgendwie zu ordnen — traf uns die Pandemie.
Ich erinnere mich noch genau an diese Tage im März 2020. Das Telefon hörte nicht auf zu klingeln. Aber nicht wegen neuer Anfragen. Sondern wegen Absagen. Stornierungen. Eine nach der anderen. Die Kunden riefen an und sagten: „Wir lassen das erst mal, bis sich die Situation klärt.“ Oder: „Wir wollen jetzt keine fremden Menschen in der Wohnung.“ Das war verständlich. Vollkommen verständlich. Und trotzdem stand ich dabei und wusste nicht, was ich antworten soll.
Elf Mitarbeiterinnen. Elf Menschen, denen ich jeden Monat Gehalt zahlte. Elf Familien, die von ihrer Arbeit bei Hauslieber abhingen. Und der Umsatz brach innerhalb von wenigen Wochen fast vollständig weg.
Die Kündigung, die ich nie abschickte
Ich habe in dieser Zeit Kündigungsschreiben ausgedruckt. Für alle elf. Ich saß an meinem Schreibtisch — meine Tochter schlief nebenan — und hatte diese Blätter vor mir liegen. Fertig formuliert. Mit Namen. Mit Datum.
Und ich konnte es nicht tun.
Nicht weil ich nicht wusste, wie es geht. Nicht weil ich die Situation nicht verstand. Sondern weil ich diese Menschen kannte. Ich wusste, wer von ihnen alleinerziehend war. Wer gerade eine neue Wohnung angemietet hatte. Wer zum ersten Mal in Deutschland ein geregeltes Einkommen hatte und endlich angefangen hatte, sich etwas aufzubauen.
Ich schob die Blätter zur Seite. Und rief meinen Steuerberater an.
Das war der Satz, der alles verändert hat. Nicht weil er mir eine Lösung gegeben hätte — die Situation war immer noch dieselbe. Aber er hat mir gezeigt, dass es einen nächsten Schritt gibt. Und manchmal ist das genug.
Die Idee, die aus der Not entstand
Wir haben Kurzarbeit beantragt. Wir haben die staatlichen Hilfen genutzt. Und ich habe angefangen nachzudenken: Was können wir anbieten, was gerade gebraucht wird? Was macht in einer Pandemie Sinn?
So ist die Desinfektionsreinigung entstanden. Eine Reinigung, die sich nicht nur um Sauberkeit kümmert, sondern auch um Hygiene — mit Desinfektionsmitteln, mit Konzept, mit einem klaren Ablauf. Wir haben ein System entwickelt: Welche Räume werden zuerst belüftet? Wie wird die Reihenfolge festgelegt, damit nichts kontaminiert wird, was schon gereinigt ist? Wie kommunizieren wir das den Kunden so, dass sie sich sicher fühlen — ohne sie zu erschrecken?
Wir haben das intern ausgearbeitet, dann getestet, dann angeboten. Und es hat funktioniert. Nicht sofort. Nicht glänzend. Aber es hat uns durch diese Zeit gebracht.
Was diese Zeit mit einem macht
Die Pandemie hat sich gezogen. Lockdown, Lockerung, Lockdown. Jedes Mal wieder neu kalkulieren — wie viele Einsätze sind möglich, wie viele Mitarbeiterinnen können wir einsetzen, was dürfen wir, was dürfen wir nicht. Ich habe in dieser Zeit mehr über Hygieneverordnungen gelernt als ich je für möglich gehalten hätte.
Und dann kamen die Impfungen. Und damit eine neue Frage: Wie gehe ich damit um, wenn Mitarbeiterinnen unterschiedliche Entscheidungen treffen? Wie bleibe ich fair gegenüber allen — gegenüber denen, die geimpft sind, und gegenüber denen, die es nicht waren? Das war vielleicht das Heikelste dieser ganzen Zeit. Nicht die Zahlen, nicht die Abläufe — sondern die Menschen. Immer wieder die Menschen.
Ich saß oft mit meiner Tochter auf dem Arm vor dem Laptop und habe Einsatzpläne koordiniert, E-Mails beantwortet, Angebote geschrieben. Sie hat das meiste davon verschlafen. Vielleicht war das ihr Beitrag zur Rettung des Unternehmens.
Was übrig blieb
Ich bin dankbar. Wirklich dankbar. Für die staatlichen Hilfen, die es uns ermöglicht haben, das Team zusammenzuhalten. Für meinen Steuerberater, der in dem Moment der Richtige war. Für meine Mitarbeiterinnen, die durch eine absurde Zeit mitgegangen sind, oft ohne zu wissen, wie es weitergeht — aber mitgegangen sind.
Und ich bin dankbar dafür, dass ich in diesem Moment, mit diesen Kündigungsschreiben vor mir, nicht abgedrückt habe. Nicht weil ich besonders mutig war. Sondern weil ich mir nicht vorstellen konnte, was danach gewesen wäre — nicht für sie, und nicht für mich.
COVID hat uns etwas weggenommen. Viel Energie, viel Zeit, viel Nerven. Aber es hat uns auch etwas gegeben: ein Gefühl dafür, was wirklich wichtig ist. Was ein Unternehmen ausmacht. Nicht die Umsatzzahlen. Nicht die Wachstumskurve. Sondern die Menschen, die dafür jeden Tag aufstehen.
Dafür bin ich dieser Krise — so seltsam das klingt — auch ein bisschen dankbar.
Wenn Sie gerade selbst in einer Situation sind, in der Sie nicht wissen, ob es weitergeht — dann sei mir die eine Aussage erlaubt: Es geht oft weiter, wenn man einfach den nächsten Schritt macht. Nur den einen.
Und manchmal ist der nächste Schritt, jemanden anzurufen, der weiß, was möglich ist.
— Dzhemma Marandian, Gründerin Hauslieber